Manichäische Textproduktion

(Ad: Adorno/Horkheimer: Mensch und Tier. Nr. 3)

Jan Gerber wird gebeten, einen Text in der Jungle World über Tierrechte zu schreiben. Wie praktisch, hat er doch schon Ende 2006 einen Artikel in der Bahamas verfasst. Dieser Text wurde wiederum von Beier/Halberstädter geremixt (PDF). Schließlich plagiiert Gerber seine eigenen Zöglinge und mixt noch einen Text der Jungen Linken aus dem Jahr 2000 hinein. Klingt wirr? Nein, da läuft einfach eine vor Jahren aufgelegte Endlosplatte und es werden dieselben Nullargumente immer wieder abgespielt.

In der Bahamas durften wir lesen:

Die Entzauberung der Welt, die im Zentrum des Programms der Aufklärung stand, ging vielmehr mit ihrer erneuten Verzauberung einher. Die gesellschaftlichen Verhältnisse wurden zu dinghaft erstarrten Naturverhältnissen, zur zweiten Natur. In diesem Prozeß der Emanzipation von der ersten Natur teilte der Mensch das Schicksal der übrigen Welt: „Die Gesellschaft setzt die drohende Natur fort als den dauernden, organisierten Zwang, der, in den Individuen als konsequente Selbsterhaltung sich reproduzierend, auf die Natur zurückschlägt als gesellschaftliche Herrschaft über Natur.“

Je deutlicher sich das gesellschaftliche Zwangsverhältnis dem archaischen Kampf aller gegen alle anglich, umso stärker sehnten sich die Menschen nach dem Original zurück. Anstatt das unerreichte Ideal der bürgerlichen Gesellschaft: die Einlösung des Glücksversprechens, wie von Marx erhofft, endlich einzufordern, verdammten sie entweder ausgerechnet das am status quo, was dem Ideal schon nahe kam: Individualität, Künstlichkeit, den Luxus des Bürgertums oder den Weltmarkt, in dem die Idee einer staatenlosen Weltgesellschaft bereits angelegt war. Oder sie träumten sich in die schlechte Realität von vorgestern – Horde, Sippe, Stamm, Blut und Boden – zurück.

Spätestens seit Rousseau kokettiert die bürgerliche Gesellschaft immer mal wieder damit, die zivilisatorischen Errungenschaften gegen einen Zustand einzutauschen, dessen Überwindung sie sich bei anderer Gelegenheit stolz auf ihre Fahnen schreibt. Analog zur Spaltung des Menschen in Natur- und Gesellschaftswesen geht die Furcht vor blinder Naturverfallenheit mit der Sehnsucht nach dieser einher. In dem Maß, in dem die Gesellschaft ihre Fähigkeit verliert, ihre ideologische Existenzbedingung, das heißt: den Glauben, daß jeder mit genügend Fleiß und Geschick zu seines Glückes Schmied werden kann, zu reproduzieren, scheint sich diese Ambivalenz allerdings zu Gunsten der Sehnsucht nach vorzivilisatorischen Zuständen aufzulösen.

– Gerber 2006

Wer denkt, dass Gerber bei dieser Theorie stehengeblieben ist: Nein, nein, er hat sie verfeinert und weiterentwickelt. Hier das Resultat in der aktuellen Jungle World:

Die Entzauberung der Welt, die im Zentrum des Programms der Aufklärung stand, ging mit ihrer erneuten Verzauberung einher. Die gesellschaftlichen Verhältnisse wurden zu dinghaft erstarrten Naturverhältnissen, zur zweiten Natur. In diesem Prozess der Emanzipation von der ersten Natur teilte der Mensch das Schicksal der übrigen Welt. Die Gesellschaft, so Horkheimer und Adorno, »setzt die drohende Natur fort als den dauernden, organisierten Zwang, der, in den Individuen als konsequente Selbsterhaltung sich reproduzierend, auf die Natur zurückschlägt als gesellschaftliche Herrschaft über Natur«.

Je deutlicher sich das gesellschaftliche Zwangsverhältnis dem archaischen Kampf aller gegen alle anglich, umso stärker sehnten sich die Menschen nach dem Original zurück. Anders als von Marx erhofft, machten sie nicht das unerreichte Ideal der bürgerlichen Gesellschaft, das Glücksversprechen der Aufklärung, zum Maßstab der Realität. Stattdessen verdammten sie entweder ausgerechnet das am Status quo, was dem Ideal schon nahe kam: Individualität, Künstlichkeit, den Luxus des Bürgertums oder den Weltmarkt, in dem die Idee einer staatenlosen Weltgesellschaft bereits angelegt war. Oder sie träumten sich in die schlechte Realität von Vorgestern – Horde, Sippe, Stamm, Blut und Boden – zurück.

Spätestens seit Rousseaus »Zurück zur Natur« kokettiert die bürgerliche Gesellschaft immer mal wieder damit, die zivilisatorischen Errungenschaften gegen einen Zustand einzutauschen, dessen Überwindung sie sich bei anderer Gelegenheit stolz auf ihre Fahnen schreibt. Analog zur Spaltung des Menschen in Natur- und Gesellschaftswesen geht die Furcht vor blinder Naturverfallenheit mit der Sehnsucht nach ihr einher. In dem Maß, in dem die Gesellschaft ihre Fähigkeit verliert, ihre ideologische Existenzbedingung, das heißt: den Glauben, dass jeder mit genügend Fleiß und Geschick zu seines Glückes Schmied werden kann, zu reproduzieren, scheint sich diese Ambivalenz allerdings zu Gunsten der Sehnsucht nach vorzivilisatorischen Zuständen aufzulösen.

– Gerber 2008

Aber wir wollen Gerber diese Zweitverwertung nicht übel nehmen, ihm sein läppisches Autorenhonorar madig machen, einem Originalitätsdiskurs huldigen oder gar Ressentiments gegenüber »Arbeitsfaulen« befeuern. Nein, nein, wir wünschen ihm, wie jedem, ernsthaft alle Annehmlichkeiten, die der Kapitalismus zu bieten vermag; möge er dafür geringstmöglich seine Arbeitskraft verkaufen müssen, zumal an exlinke Postillen. Zu bedauern wäre jedoch, dass man sich seit acht Jahren inhaltlich selber verdaut und eine wirkliche Debatte, d.h. eine Auseinandersetzung mit dem Mensch-Tier-Verhältnis, nicht in Sicht ist. Die Jungle World hat mit ihrer »Disko« dazu beigetragen, dass das die kommenden acht Jahre auch so bleiben wird.

Doch nun zum Inhalt: Gerber ist einer der Sorte, die die »Dialektik der Aufklärung« ins Feld führen, ohne von selbiger Dialektik zu reden. Im Gegenteil ist Gerber ein gänzlich undialektischer Apologet der Aufklärung mit all ihren Gewalttätigkeiten. Das Begriffspaar »Natur« und »Zivilisation« ist für ihn eindeutig manichäisch besetzt. Der Freund der »westlichen Zivilisation« wundert sich nicht darüber, dass die Aufklärung menschliche, nichtmenschliche wie unbelebte Natur verstümmelt und im gleichen herrschaftlichen Moment eine zweite, nicht minder erbarmungslose »Natur« schafft. Sondern er preist das »Glücksversprechen«, ergo »das am status quo, was dem Ideal schon nahe [kommt]«. Die bürgerliche Gesellschaft sei nur noch über sich hinaus zu treiben, schließlich sei die Idee des Kommunismus darin »bereits angelegt«. Das mag man in Marx hineinlesen können oder auch nicht, bei Adorno/Horkheimer hingegen findet sich eine Aufklärungs- und Vernunftkritik, die grundlegender ansetzt. Daher erlaube ich mir hier einen Vergleich der beiden Ansätze.

Von diesem Zitat aus der »Dialektik der Aufklärung« interessiert Gerber exakt die Hälfte des Satzes:

Die Gesellschaft setzt die drohende Natur fort als den dauernden, organisierten Zwang, der, in den Individuen als konsequente Selbsterhaltung sich reproduzierend, auf die Natur zurückschlägt als gesellschaftliche Herrschaft über Natur.

Warum Adorno/Horkheimer den gesellschaftlich fortgesetzten Zwang wiederum als Herrschaft über die Natur bezeichnen, bleibt ihm schlicht uneinsichtig. Eine Kritik der Naturbeherrschung und der bürgerlichen Subjektivität macht Gerber nicht mit. Wo Gerber lobpreist, dass »mit der Aufklärung … auf breiter Ebene angemahnt [wurde], daß kein Mensch mehr wie ein Tier oder ein Gegenstand behandelt zu werden habe« – gerade dort beginnt die Kritik von Adorno/Horkheimer an der idealistischen Philosophie als bürgerliche Ideologie par excellence. Die moralische Autonomie, die »Würde« des Menschen bei Kant wird zum Anspruch der Herrschaft über die Natur. Diese »Differenzbestimmung« »richtet sich gegen die Tiere« (Adorno: Beethoven. Philosophie der Musik. In: Adorno: Nachgelassene Schriften. Abt. 1, Fragment gebliebene Schriften, Bd. 1, S. 123. Hrsg. v. Rolf Tiedemann, Frankfurt 1994). Dass ein Tier so zu behandeln ist, wie es einem Tier zukomme, ist erst Resultat dieser Erniedrigung.

Gerber hat keine Erklärung dafür, warum die Zivilisationsgeschichte in eine »zweite Natur« führt. Die von ihm ausgemachten antizivilisatorischen Momente erklärt er damit, dass die bürgerliche Gesellschaft ihre eigene Rechtfertigungsideologie, die Möglichkeit des Strebens nach Glück, nicht mehr zu »reproduzieren« vermag. Warum, wird nicht näher ausgeführt. Bei Adorno/Horkheimer findet sich folgender Erklärungsversuch: »Die betrogenen Massen ahnen, daß dies Versprechen [des Glückes ohne Macht], als allgemeines, Lüge bleibt, solange es Klassen gibt«. Sie wiederholen die Unterdrückung der eigenen Sehnsucht in der Zerstörungslust gegenüber dem, das das ihnen vorenthaltene Glück zu verwirklichen scheint. »Denen, die Natur krampfhaft beherrschen, spiegelt die gequälte [Natur] aufreizend den Schein von ohnmächtigem Glück wider. Der Gedanke an Glück ohne Macht ist unerträglich, weil es überhaupt erst Glück wäre.« (Elemente des Antisemitismus. In: DdA, Frankfurt 1988. S. 120)

Bei Gerber scheint die besagte Selbstrechtfertigung, diese »Lüge«, noch bestens zu funktionieren, schließlich huldigt er allerorten dem »Ideal der bürgerlichen Gesellschaft«. Demgegenüber entwickeln Adorno/Horkheimer einen kritischen Vernunft- und Aufklärungsbegriff.

Daß Vernunft ein anderes als Natur und doch ein Moment von dieser sei, ist ihre zu ihrer immanenten Bestimmung gewordene Vorgeschichte. Naturhaft ist sie als die zu Zwecken der Selbsterhaltung abgezweigte psychische Kraft; einmal aber abgespalten und der Natur kontrastiert, ist Vernunft mit Natur identisch und nichtidentisch, dialektisch ihrem eigenen Begriff nach. Je hemmungsloser jedoch die Vernunft in jener Dialektik sich zum absoluten Gegensatz der Natur macht und an diese in sich selbst vergißt, desto mehr regrediert sie, verwilderte Selbsterhaltung, auf Natur; einzig als deren Reflexion wäre Vernunft Übernatur.

– Adorno: Negative Dialektik. Frankfurt 1970. S. 285

Während Adorno/Horkheimer sich mit der »Furcht vor blinder Naturverfallenheit« und der daraus resultierenden Gewalt gegen Menschen und nichtmenschliche Tiere befassen, so hat sich Gerber auf das von ihm entdeckte Gegenstück kapriziert: die Sehnsucht nach Natur. Er sieht einen bereits im 19. Jahrhundert abgeschlossenen historischen Prozess, bei dem sich das Tier »von der Zielscheibe für Verachtung und Ablehnung in eine Projektionsfläche für menschliche Wünsche und Hoffnungen [verwandelte]«. Wenn das stimmen würde, fragt sich, wie Adorno/Horkheimer zeitdiagnostisch die Gewalt gegenüber Tieren kritisieren können. Für sie geht die Projektion der unterdrückten Wünsche eben notwendig mit der Verachtung der Tiere einher, weil die Kreatürlichkeit den Menschen an seine zivilisatorische Verstümmelung erinnert.

Gerbers beweist seine These, indem er jede platteste Aussage wie »der Mensch muss sich als Teil der Umwelt begreifen« als Beweis für Natursehnsucht anführt. Anstatt sich zu fragen, was für ein Naturbegriff im kritisierten Diskurs am Werke ist, ordnet Gerber die Aussage in sein manichäisches Weltbild ein. Er hat nur ein Deutungsschema: Die reaktionären Massen hängen, so die ständig repetierte Sprachregelung, »Horde, Sippe, Stamm, Blut und Boden« hinterher. Sie sehnen die »reine Natur« herbei, anstatt der »Zivilisation« zu huldigen, d.h. das ideologische Fundament der bürgerlichen Gesellschaft als Vorschein des Kommunismus zu interpretieren.

Für Adorno/Horkheimer ist die gegenwärtige, bürgerlich-kapitalistische Naturbeherrschung konstitutiv eine Verstümmelung und Zurichtung des Menschlichen. Gerade daraus entstammen die psychopathologischen Phänomene wie der Hass gegenüber der Kreatürlichkeit. Der Wunsch nach Enthemmung ist ein solches Phänomen, das der besagten Vergesellschaftung entspringt. Die Suche nach Ursprünglichkeit und Authentizität, die ersehnte Zügellosigkeit bleibt unter diesen Verhältnissen eine »stramme Unterordnung unter die herrschende Vernunft«, kein Widerspruch zu ihr. Die Beherrschung des Menschlichen sehen Adorno/Horkheimer nicht notwendig als etwas positives, ebenso wenig wie die Abschaffung dieser Herrschaft notwendig Gewalt und Barbarei bedeutet. Insofern vertreten die Autoren eine Außenseiterposition, wenn sie weder der gegenwärtigen Beherrschung der Natur nach dem Mund reden, noch die »Lüge« von der vermeintlich »guten« Natur »als Vorbild und Ziel« bestehen lassen.

Gerber hingegen kritisiert eindimensional, »daß die Regeln und Konventionen der Zivilisation hierzulande nicht als Mittel der Humanisierung, sondern als Fessel und Joch begriffen werden«. Er scheut sich nicht davor, zu behaupten, dass diese hochgehaltenen Regeln »den Hobbesschen Urzustand des Krieges aller gegen alle beendeten«. Auch wenn dies bloß eine Wiederholung und Variation des wohlfeilen antideutschen Credos ist, dass der Kapitalismus emanzipative Kräfte im Vergleich zum Feudalismus etc. freisetzte, wofür man ihn zu schätzen habe und verteidigen solle: Gerade die Bezugnahme auf Hobbes negative Anthropologie, auf deren Konstrukt der »menschlichen Natur« und deren gewaltsamen Brechung im autoritären Staat kennzeichnet, wie besinnungslos Gerber in seinem Natur-Zivilisation-Manichäismus gefangen ist.

Die Menschen und ihre Triebe, quasi das Tier in ihnen, müssen beherrscht und kontrolliert werden – das hat Gerber von der bürgerlichen Staatsphilosophie gelernt. So lässt sich prima der Status Quo begründen und die kapitalistische Herrschaft erscheint »im Vergleich« gar nicht mehr gewalttätig, sondern eben unglaublich friedlich. Der Leviathan ist also doch nur ein Schoßhündchen. Für Gerber geht das widerspruchslos zusammen: Einerseits will er von Adorno gelernt haben, dass sich die zweite Natur dem Krieg aller gegen alle »angeglichen« habe, andererseits lobt Gerber mit Hobbescher Argumentation eben jene Zivilisation, die diesen Krieg angeblich beende oder dies zumindest in bester Absicht anstrebe.

An keinem anderen Punkt zeigt sich deutlicher, wie Gerber mit Adorno/Horkheimer querliegt. Diese denken Humanisierung und Joch als notwendig zusammen: Die streichelnde Hand ist gleichzeitig die mörderische, beide Elemente zeugen von derselben patriarchalen Herrschaft. Gerber ignoriert, dass die spezifische Abspaltung von der ersten Natur und die Errichtung einer zweiten Natur, dem »Massenracket in der Natur«, in der kapitalistischen Vergesellschaftung notwendig zusammengehören. Das alles lässt sich nicht aus der Welt schaffen, wenn man alleine das bürgerliche Glücksversprechen, diesen Haarschopf, mithilfe dessen sich die gequälte Kreatur selbst aus dem Sumpf ziehen soll, zum Dreh- und Angelpunkt einer Analyse macht.

Mit seinen dichotomen Begriffen kann Gerber nicht erkennen, dass die Menschen aus fehlender Einsicht in das irrationale System, in dem sie (mit)arbeiten, einer selbstverständlich gesellschaftlich erzeugten Naturvorstellung nachhängen. Er fällt eben auf denselben Fetisch hinein: Er kauft den Naturfreunden ab, ihre »Natur« sei das »Original«. Da war selbst Ivo Bozics »Disko«-Beitrag weiter, da er »Natur« als gesellschaftliches Konstrukt entlarvte. Die Theorie, dass Tierliebe wie Menschenhass Momente derselben Herrschaft sind (»dem blutigen Zweck der Herrschaft ist die Kreatur nur Material«), verwirft Gerber, indem der gemeinsame Ursprung verschwindet. Nicht die Herrschaft bringt beide hervor, sondern nur allein die Tierliebe bringe den Menschenhass: »Das Bedürfnis nach Enthemmung, das sich hinter der Begeisterung für Tier und Natur verbirgt, [wurde] traditionell im Pogrom ausgelebt«. Dieses Bedürfnis entsteht Gerber zufolge daraus, dass das besagte Streben nach Glück nicht wie »versprochen« honoriert wird. Horkheimer/Adorno entfalten hingegen eine Dialektik, anstatt mit dem »Bedürfnis nach Enthemmung« ein Feindbild aufzubauen, dem gerade die »Zivilisation« entgegengesetzt wird. Das wäre aus ihrer Sicht paradox.

Über fragwürdige Zwischenstationen kommt Gerber schließlich zu einer billigen Erkenntnis, die er auch noch bei den dümmsten Tierrechtlern nachlesen könnte. Doch Gerber lernt von Wolfgang Pohrt, dass »die Liebe zum Tier« nicht »dem Erbarmen mit der geschundenen Kreatur« entspringt. Wenn es denn bloß darum ginge, die Idealisierung der vermeintlichen »reinen Natur« unter den Bedingungen des naturbeherrschenden Kapitalismus sowie die Indienstnahme der Tiere für menschliche Zwecke in Form der »Tierliebe« zu kritisieren – so wäre Gerber uneingeschränkt zuzustimmen. In allen anderen Gedankengängen ist Gerbers Analyse undifferenziert und unterkomplex.

Letztlich verfährt sie trotz vieler Zitaten aus der »Dialektik der Aufklärung« rundheraus antidialektisch. Sie läuft auf die billige Losung »Tierfreunde sind Menschenfeinde« hinaus, womit im Grunde nichts erklärt ist, sondern nur der Zirkelschluss vollendet wurde: Die Deutschen hängen an der vorkapitalistischen Scholle und Boden und erheben diese als »Natur« zum Ideal. Also wieder die altbekannte Große Erzählung, die auf die Forderung herausläuft, die Menschen »mit allen brutalen Konsequenzen dem kapitalistischen Warenfetisch direkt zu unterwerfen« (Bahamas). Als ob gerade das Einprügeln der bürgerlichen Ideale und die fortgesetzte Barbarei der Naturbeherrschung zur Emanzipation beitragen würde. Im Gegenteil, bei diesem Versuch kommt bloß wieder Deutschland heraus.

Doch was schreibt Gerber nun in seinem 2008er-Artikel? Ganz einfach, er verortet die »vegane Tierrechtsszene«, den Gegenstand seines neueren Aufsatzes, in seinem vorgefertigten Schema. Selbige Szene sei nichts als die Speerspitze des reaktionären Kampfes für die »reine Natur«. Das konnte er vielleicht 2006 von den aufgebrachten Freunden des abgeschossenen Braunbärs Bruno behaupten, die ihrem Hass und ihren Gewaltphantasien freien Lauf ließen. Aber der Schuh passt schwerlich denjenigen Kritikern des Mensch-Tier-Verhältnisses, die die Kategorie »Natur« und eine Idealisierung des Naturbegriffs in Frage stellen.

Schließlich mischt Gerber noch einige Sätze Polemik ein und plagiiert ein paar Absätze von Beier/Halberstädter sowie der »Jungen Linken gegen Nation und Kapital«. Wir wollen diese Intertextualität einmal entwirren und Gerber in den Kontext der (mir bekannten) Prätexte stellen:

Slogans wie "Milch trinken ist Raubmord an Kälbern!", "Fleischfresser sind Mörder!", "Weg mit den Tier-KZs!" und "Gleiches Recht für alle!" – wobei mit "alle" Menschen und Tiere gemeint sind, was durch eine emporgestreckte Pfote neben einer erhobenen Faust symbolisiert werden soll – machen deutlich, daß hinter dem Keine-tierischen-Produkte-konsumieren der Wunsch steht, die Differenz zwischen Mensch und Natur zur Seite der Natur hin aufzulösen. (...)

Eine Lösung im behaupteten Konflikt "Natur gegen Menschheit" hat sich also noch nicht ergeben und soll daher durch folgendes Urteil erreicht werden: Wenn man das Tier nicht zum Menschen erhöhen kann, muß man den Menschen eben zum Tier erniedrigen.

– Junge Linke 2000

Der Unterschied zwischen Mensch und Natur wird vielmehr zur Seite der Natur hin aufgelöst. Ganz einfach: Da sich das Tier nicht zum Menschen erheben lässt, muss der Mensch zum Tier herabgesetzt werden. Mit dieser Auflösung des Menschen in der Natur wird zugleich der Status quo ante simuliert; die Menschen werden auf ihre bloße Kreatürlichkeit, auf Schlafen, Trinken, Essen und Fortpflanzungssex reduziert.

– Gerber 2008

Mit der Auflösung des Menschen in der Natur, nach der vegane Tierrechtler mit ihrer Forderung nach der Gleichsetzung von Mensch und Tier verlangen, wird der status quo ante simuliert; die Menschen werden auf ihre kreatürlichen Bedürfnisse – Schlafen, Trinken, Essen, Heterosex – reduziert.

Diese Gesellschaft des Verzichts nimmt die vegane Tierrechtsbewegung schon heute vor weg. So erinnert nicht nur die vegane Ernährung, das Ersetzen von Käse, Milch und Honig durch fade Sojaprodukte oder Zuckerrübensirup aus Zörbig, durch Produkte, von denen selbst der PeTA-Aktivist Kaplan erklärt, sie seien an sich ungenießbar, an Selbstgeißelung und Entsagung. Sondern auch die sonstige Lebensweise von Hardcore-Tierrechtlern ist von asketischer Verzichtsethik geprägt. (...)

Ähnliches ist auch auf der Homepage veganwiki.de zu finden, wo u. a. Tipps für das konsequente vegane Leben gegeben werden. Auf die Frage nach dem Verhältnis von Veganismus und Verkehrsmitteln („Autos töten Insekten. Busse enthalten tierische Fette als Schmiermittel. Verzichtbar?“) wird geantwortet: „Es ist grundsätzlich möglich, sich ausschließlich vegan fortzubewegen, z. B. durch vorsichtiges Radfahren oder Fußgehen. Längere Strecken können ganz vermieden werden, z. B. durch Urlaub zu hause oder Umzug in den Ort, in welchem man seine Arbeitsstelle hat.“

– Beier/Halberstädter 2007

Mit dieser Auflösung des Menschen in der Natur wird zugleich der Status quo ante simuliert; die Menschen werden auf ihre bloße Kreatürlichkeit, auf Schlafen, Trinken, Essen und Fortpflanzungssex reduziert. (...)

Die Gesellschaft des Verzichts, die in diesem Kampf für die »reine Natur« bereits angelegt ist, nimmt die vegane Tierrechtsbewegung schon heute teilweise vorweg. Das Land, in dem Milch und Honig fließt, das seit Jahrhunderten Inbegriff eines besseren Lebens ist, ist für vegane Tierrechtler die Hölle. So erinnert nicht nur die vegane Ernährung, das Ersetzen von Käse, Milch und Honig durch fade Sojaprodukte, an Selbstgeißelung und Entsagung. In diversen Internet-Ratgebern für das konsequente vegane Leben wird der Klientel gelegentlich sogar geraten, der Umwelt und den Tieren zuliebe auf Autos, öffentliche Verkehrsmittel und Fernurlaub zu verzichten. Immerhin, so war vor einiger Zeit auf der Homepage veganwiki.de zu lesen, töten Autos, Busse und Flugzeuge nicht nur Insekten, sondern enthalten auch noch tierische Fette als Schmierstoffe.

– Gerber 2008

Mit Roland Barthes gesprochen ist Gerber ein écrivain, der ein riesiges Wörterbuch in sich birgt und die Schriften vermischt. Er zeigt sich als Meister der Paraphrasierung, als äußerst produktiver Remixer:

So viel Selbstgeißelung und Triebunterdrückung, das ist seit Freud, Reich und Fromm bekannt, verlangen nach einer Abfuhr bzw. einem Ausgleich. Vielleicht dienen die Fotos zerstückelter Tiere, ohne die keine vegane Zeitschrift und kein veganes Aufklärungsplakat auskommt, und zu denen der Tierrechtler ein ähnlich obsessives Verhältnis zu haben scheint, wie der katholische Priester zu Kinderpornographie, vielleicht dienen diese Metzelfotos der Kompensation dieser Entsagungen. Genauso wie das Pogrom der einzige Luxus ist, den sich der Antisemit gönnt, könnten die Splatter-Videos aus Schlachthöfen, die für fünf Euro bei PeTA gekauft werden können, der einzige Luxus sein, den sich der vegane Tierrechtler gibt, bis er so richtig auf der Erde aufräumen kann.

– Beier/Halberstädter 2007

So viel Askese und Triebunterdrückung, das ist seit Sigmund Freud und Erich Fromm bekannt, verlangen nach einer Abfuhr. Möglicherweise dienen die Bilder zerstückelter Tiere, zu denen der Tierrechtler ein ähnlich obsessives Verhältnis hat, wie der katholische Priester zu Pornographie, der Kompensation dieser Entsagungen. Ebenso wie das Schmuddelheftchen der einzige Luxus ist, den sich der Diener Gottes bis zu seinem Marsch durchs Himmelstor genehmigt, scheinen die Metzelfotos und Splatter-Videos aus Schlachthöfen, ohne die kaum eine vegane Zeitschrift, Kampagne oder Benefizparty auskommt, der einzige Luxus zu sein, den sich der Tierrechtler gönnt, bis er so richtig auf der Erde aufräumen kann.

– Gerber 2008

Wir haben gelernt: Gerber beherrscht die Google-Recherche sowie Copy & Paste. Und er verlässt, um es in seinen Worten auszudrücken, seine Hallenser Scholle in intellektueller Hinsicht kaum, deshalb bedient er sich kurzerhand bei Beier/Halberstädter aus seiner nestwarmen Horde. Aber genug dieser Polemik. Warum kopiert Gerber nicht die klügeren Passagen, in denen Beier/Halberstädter Adorno und Horkheimer besser verstanden haben als er? Zum Beispiel:

Da die Natur, wie Horkheimer in der „Kritik der instrumentellen Vernunft“ erklärt, „nicht wirklich transzendiert oder versöhnt, sondern bloß unterdrückt“ wird, revoltiert sie; die verdrängten Wünsche, inneren Konflikte und Triebe der Menschen werden im Pogrom, in Verfolgungen und Unterdrückung ausgelebt.

Von unterdrückter Natur, von Triebunterdrückung und »pathischer Projektion« im Zuge des Zivilisationsprozesses will Gerber nichts wissen. Denn wer davon redet, redet seiner Meinung nach notwendig den Eiferern der »reinen Natur« nach dem Mund. Nicht der Grund, warum aus einem unbestimmten Wunsch und Trieb das Pogrom erwächst, interessiert Gerber. Er erklärt kurzerhand den Trieb zum Problem und landet damit auf der affirmativen Schiene, die das Menschliche nur beherrscht und verstümmelt zulässt.

Dabei ist eine solche psychoanalytische Erklärung das genaue Gegenteil der Verblendung der »reinen Natur«. In letzter Konsequenz sehen das auch Beier/Halberstädter nicht. Denn sie glauben, gerade die bürgerlich-idealistische Idee des Menschen könne diese Konflikte auflösen – sie müsse nur noch konsequent durchgesetzt werden. Diese denkt Aufklärung als reine Naturbeherrschung und den Menschen notwendig als ein Unterdrücker der Natur, also auch des Menschen. Aber wenigstens verschweigen sie nicht, dass es Adorno/Horkheimer um »Versöhnung von Mensch und Natur« und »Mitleid mit der geschundenen Kreatur« geht.

Ein schlechter Witz also, dass gerade Gerber in seinem jüngsten Elaborat den »veganen Tierfreunden« vorwirft, sie würden Adorno und Horkheimer bruchstückhaft zitieren. Wo auch immer diese »zur Begründung des Veganismus« herangezogen werden, ich weiß es nicht. Ob sie eine solche Begründung bieten, ist ohnehin nicht die Frage. Was sie leisten, entfaltet ungleich mehr Sprengkraft: Eine dialektische Analyse des gesellschaftlichen Naturverhältnisses. Diese ergreift nicht Partei für die gegenwärtige Naturbeherrschung und deren theoretische Rechtfertigung. Sie weiß mehr zu spielen als bloß die »eigene Melodie« der Verhältnisse. Sie beinhaltet eine Kritik reaktionärer Bewegungen, ohne diese als das vermeintlich »nichtzivilisatorische« Andere vom dem ansonsten friedlichen Kapitalismus abzugrenzen.

25.09.2008