queer reading sommersturm & heavenly creatures

die macht zweier vorgegebener konformer identitätsmodelle, in denen leben möglich sein soll, sofern man sich zu einem »bekennt« - das demonstriert sommersturm vor allem. nicht als bloßen fakt, sondern als verheißung, als emanzipationsangebot. welch niederschmetternde traurigkeit, dass nichts anderes, besseres gedacht werden kann...! nichts kann diese segregation präziser veranschaulichen als die zwei homogenen, konkurrierenden »mannschaften«, die die grundkonstellation bilden. zu welcher mannschaft gehörst du also? freund oder feind? das andere lager, das andere ufer? dieser rahmen, der sich überhaupt erst als diskursgegenstand lohnen würden, ist vorgegeben, das subjekt kann sich eines dieser gefängnisse aussuchen. das zwischenmoment existiert, aber nur als haltloser, defizitärer übergangszustand im nirgendwo: nicht wissen, nicht »eingestehen«, was man »ist«. der kreuzpfad des rettenden »coming-outs« ist vorgezeichnet und man wird gezwungen, ihn zu durchlaufen: »wenn du dich ein leben lang versteckst, findest du dich irgendwann gar nicht mehr«. das »sich finden« ist dann die gewalttätige annahme der abschließenden identität. danach ist selbstverständlich alles besser und man weiß, wer man ist, hat eine griffige identität, die als dumme, abschnürende und jegliches begehren einhegende erklärung dient. das angedeutete trojanische pferd, »darf ich jetzt keine frauen mehr küssen?«, leitet dann doch nur den erzwungenen sprechakt ein - sag es doch endlich! gib es doch endlich zu! raus damit! nur so ist das happy ending im rahmen des bestehenden möglich. die welt dreht sich weiter. alle haben brav dazugelernt und sind »toleranter« geworden. ein film als konformistische rebellion. wie erbärmlich, dass jemand, der in unsicherheit über die herrschenden »geschlechtsidentitäten« kommt, der die last spürt, an diesen film gerät, der doch nur weiter leben vereindeutigt, zurichtet, in bahnen lenkt, beschädigt und mit seinem eindimensionalen modell der »emanzipation« lasten aufbürdet. nein, die moral der erzählung erlaubt nicht, momente der unentschiedenheit und des spontanen begehrens stehenzulassen.

»Perry said that while her relationship with Pauline Parker was obsessive, they were not lesbians«. - es ist irrelevant, »was wirklich war«, in heavenly creatures gibt es keine »lesben«, sondern für den plot vernachlässigbare, fiktional gebrochene körperlichkeit, im doppelten konjunktiv erzählt. ein gewaltakt und eine anmaßung sondergleichen ist es, diese fiktionalität, diese unbegrenzte »fantasy« in den identischen begriff »lesbianism« einzupferchen. das problem ist gerade, dass sich juliet hulme / anne perry zu dieser aussage genötigt fühlte. dabei erzählt der film »homosexuality« als negative, prinzipiell fehlgehende fremdzuschreibung, als gewalttätige aussonderung von »psychisch kranken«. dass sie zu »lesbian killers« gemacht wurden, ist die eigentliche geschichte. doch anstatt diese gewalt einzusehen, will man das uneinholbare private kategorisieren: ob und welches begehren parker und hulme gehegt haben und wie es zu benennen ist, ob es begrifflich umzäunt werden kann. diese seite wäre die, die man in ruhe zu lassen hätte bzw. nicht als »eigentlichkeit« zu konstruieren hätte, würde man die andere reflektieren. was anderes gäbe es dieser widerlichen einmischung in jedem fall entgegenzusetzen als mit aller nachdrücklichkeit: »we were not lesbians«?

06.06.2008